Die Welt der dezentralen Funk- und Mesh-Netzwerke auf Basis von LoRa-Hardware hat sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Während Meshtastic als Pionier und unangefochtener Platzhirsch den Markt für jedermann zugänglich gemacht hat, drängen neuere Protokolle wie MeshCore auf den Markt, die gezielt konzeptionelle Schwächen älterer Systeme addressieren.
Beide Plattformen ermöglichen netzunabhängige, verschlüsselte Kommunikation über kostengünstige Hardware (wie ESP32- oder nRF52-basierte Boards mit SX1262/SX1276-Funkmodulen). Doch unter der Haube verfolgen sie völlig unterschiedliche Ansätze.
Ein oft diskutierter Punkt bei Meshtastic ist seine starke Verflechtung mit internetbasierten Diensten. Obwohl Meshtastic primär als autarkes Funknetzwerk (Off-Grid) beworben wird, zeigt sich in der Praxis eine massive Abhängigkeit von begleitender Internet-Infrastruktur:
MQTT-Integration und Broker: Meshtastic erlaubt es standardmäßig sehr unkompliziert, Funkpakete über das Internet an MQTT-Broker zu senden oder von dort zu empfangen. Damit werden Nachrichten über Kontinente hinweg via Internet vernetzt.
Kartenmaterial und Apps: Die mobilen Apps von Meshtastic laden Kartendaten, Höhendaten und Node-Positionen in der Regel live aus dem Internet nach.
Die Verwundbarkeit: Sobald ein Mesh-Netzwerk stark auf Internet-Backbones (z. B. MQTT-Gateways, die Funkknoten ins Internet brücken) angewiesen ist, verliert es bei einem echten Ausfall der kritischen Infrastruktur (Stromausfall, Internetausfall, Cyberangriffe) seine Robustheit. Zudem öffnet die Vermischung von HF (Radio Frequency) und IP-Netzwerken Türen für Angriffsvektoren von außen. Ein Netzwerk, das zu viel über das Internet leitet, ist im Katastrophenfall anfällig für Störungen an den Schnittstellen.
MeshCore positioniert sich hier deutlich puristischer. Es wurde von Grund auf als striktes, eigenständiges Funk-Kommunikationssystem konzipiert, das ohne permanente Internet-Brücken auskommt und den Fokus voll auf die Effizienz des reinen Funkkanals legt.
Der technisch tiefgreifendste Unterschied zwischen den beiden Systemen liegt in der Art und Weise, wie Nachrichten durch das Netz transportiert werden:
Meshtastic (Managed Flooding): Meshtastic nutzt ein sogenanntes Flutungsverfahren. Erhält ein Knoten eine Nachricht, die er noch nicht kennt, plappert er sie (abzüglich des Hop-Limits) einfach weiter. Das ist unkompliziert, sorgt aber bei wachsender Teilnehmerzahl für enormen "Network Chatter" (Funkverkehr-Rauschen). Da jeder Knoten standardmäßig alles wiederholt (es sei denn, er ist explizit als reiner Client konfiguriert), neigt das Netz bei hoher Last zu Kollisionen, verschwendet wertvolle Bandbreite im extrem langsamen LoRa-Spektrum und ist in der Hop-Anzahl meist auf maximal 3 bis 7 Hops begrenzt.
MeshCore (Rollenbasierter Ansatz & Effizienz): MeshCore trennt die Gerätefunktionen strikt voneinander. Bereits beim Flashen der Firmware wird festgelegt, ob ein Node ein Companion (Endgerät für das Smartphone, das niemals Nachrichten anderer weiterträgt), ein Repeater (rein dedizierte Infrastruktur) oder ein Room Server ist. Das verhindert, dass beliebige, schlecht positionierte Nutzer-Nodes das Routing stören. Zudem unterstützt MeshCore deutlich größere Hop-Distanzen (bis zu 64 Hops) und arbeitet mit effizienteren Routing-Mechanismen, was es für großflächige, geplante Infrastrukturen (ganze Städte oder Regionen) prädestiniert.
Sowohl Meshtastic als auch MeshCore bieten Verschlüsselungsmechanismen, betrachten das Thema im Kontext von gesetzlichen Rahmenbedingungen und Privatsphäre jedoch unterschiedlich:
Meshtastic: Verwendet standardmäßig starke AES-Verschlüsselung für Kanäle. Das System ist jedoch extrem flexibel: Da Meshtastic stark in der Community der Funkamateure (HAM) verankert ist, lässt sich die Verschlüsselung in den Einstellungen komplett deaktivieren. Dies ist notwendig, da in vielen Ländern (wie Deutschland) der Amateurfunkdienst gesetzlich verschlüsselungsfrei sein muss (§ 85 TKG bzw. Amateurfunkverordnung). Meshtastic bietet hier den nötigen "Schalter", um legal im HAM-Netz betrieben zu werden.
MeshCore: Ist standardmäßig auf konsequente Verschlüsselung ausgelegt. Da es sich primär als eigenständiges, verschlüsseltes Off-Grid-Kommunikationssystem versteht, gibt es im aktuellen Funktionsumfang keinen einfachen Schalter, um die Verschlüsselung auf Knopfdruck abzuschalten, wie es Funkamateure für den legalen Betrieb auf Amateurfunk-Frequenzen bräuchten. Wer MeshCore betreibt, nutzt in der Praxis meist das anmelde- und gebührenfreie ISM-Band (z. B. 868 MHz in Europa) unter Einhaltung der dortigen Leistungs- und Duty-Cycle-Vorgaben.
Meshtastic bleibt die erste Wahl, wenn man schnell ein loses, unkompliziertes Ad-hoc-Netzwerk im Freundeskreis aufbauen möchte, eine riesige Hardware-Auswahl sucht und eventuell sogar offizielle Amateurfunk-Frequenzen (ohne Verschlüsselung) nutzen will. Die Kehrseite ist jedoch die anfälligere, oft internet-basierte Infrastruktur und ein unkontrollierteres Rauschen im Äther bei wachsender Teilnehmerzahl.
MeshCore hingegen ist die moderne Antwort für alle, die ein stabiles, leises und hocheffizientes Kommunikationsnetzwerk aufbauen wollen, das auch ohne Internet und bei starker Auslastung diszipliniert funktioniert. Wer ein geplantes, robustes Netz für eine Nachbarschaft oder ein größeres Areal sucht, findet in MeshCore den technisch aufgeräumteren Ansatz.